Kategorie Tipp Soziale Gerechtigkeit

Kulturgenuss sollte für jeden möglich sein

Von: Merle Ullrich

Die Kulturtafel Oldenburg will das ändern und lädt Menschen mit geringem Einkommen ein

Frau Weiß sitzt am Laptop am Schreibtisch
Geschäftsführerin Inés Weiß freut sich, wenn sie Kulturgäste für ein neues Genre begeistern kann. © VdK

Wer nur wenig Geld hat, für den ist an einen Theaterbesuch oder ein Konzert oft nicht zu denken. Miete, Strom, Heizung oder gar die nächste Mahlzeit haben dann Vorrang. Doch Kulturangebote sind „geistige Nahrung“, sagt Inés Weiß, Geschäftsführerin der Kulturtafel Oldenburg. Die Teilhabe an kulturellen Veranstaltungen habe eine wichtige soziale Funktion. „Man lernt immer etwas, erweitert den Horizont und kommt unter Menschen“, erklärt sie.

Die Kulturtafel Oldenburg e.V. ist ein gemeinnütziger Verein, den Dr. Hermann Klasen im Jahr 2020 gegründet hat. Die Idee stammt jedoch aus Lübeck. Die Kulturtafel funktioniert ähnlich wie die Lebensmitteltafeln. Kulturstätten spenden Karten für Theater, Konzerte und mehr, die Kulturtafel vermittelt die Karten dann an Menschen mit geringem Einkommen.

Keine Scheu

Kultur zu genießen ist teuer, weiß Inés Weiß. Mit Blick auf die Arbeit der Kulturschaffenden sei dies auch gerechtfertigt, doch es könne sich eben nicht jeder leisten. Deshalb solle sich niemand scheuen, zur Kulturtafel zu kommen. Denn es wäre einfach zu schade, wenn jemand berechtigt ist, das Angebot zu nutzen und sich nicht traut, findet Weiß.

Der ursprüngliche Gedanke der Kulturtafel war, dass Veranstalter Karten spenden, die nicht verkauft wurden, damit die Künstlerinnen und Künstler trotzdem vor vollem Haus spielen. Inzwischen spendeten jedoch auch gut besuchte Häuser, weil sie das Konzept unterstützen möchten. Auch Privatleute spenden, „zum Beispiel, wenn sie ein Theater-Abo haben, aber krank sind oder nicht zu allen Veranstaltungen gehen möchten“, erzählt die Geschäftsführerin.

Schauspieler auf einer Theaterbühne
Durch die Vermittlung der Kulturtafel soll jeder Mensch Zugang zum Theater bekommen. © Fatih Doğrul auf www.pexels.com

So funktioniert‘s

Interessierte müssen sich zunächst als „Kulturgast“ anmelden. Dafür müssen sie einen Nachweis erbringen, dass sie ein geringes Einkommen haben. Der Oldenburg-Pass, ein Wohngeldbescheid oder ein Nachweis vom Jobcenter reichen dafür aus. „Niemand muss sich hier nackt machen“, betont Inés Weiß. Auch bei der Lebensmitteltafel könne man sich oft für die Kulturtafel anmelden.

Die Karten für die Veranstaltungen werden dann über eine Liste vermittelt. Ehrenamtliche Mitarbeiter rufen die Kulturgäste an und bieten die Tickets an. Die Geschäftsführerin lobt ihre derzeit elf ehrenamtlich Aktiven ausdrücklich. „Ich liebe meine Ehrenamtlichen!“, sagt sie. Wenn neue Karten reinkommen, fänden sich sofort zwei bis drei Freiwillige, die eine Sonderschicht einlegen oder auch am Wochenende Tickets vermitteln. „Wir wollen einfach nicht, dass Karten verfallen“, so Inés Weiß. 

Das Team ermutigt die Gäste gezielt, Neues auszuprobieren. „Viele wissen gar nicht so recht, was sie interessiert. Eine Dame habe ich regelrecht in eine Oper hineingequatscht“, erzählt sie schmunzelnd. Das Ergebnis: Die Frau war begeistert.

Keine Stigmatisierung

Bei den Veranstaltungen werden die Kulturgäste wie alle anderen behandelt. Die Karten werden an der Kasse mit Namen hinterlegt. Niemand müsse sich outen. „Man geht einfach an die Kasse, sagt ‚Ich heiße Frau Müller und stehe auf der Gästeliste‘“, erklärt sie.

Wenn die Kulturtafel genügend Karten für eine Veranstaltung hat, bekommen die Kulturgäste sogar zwei Karten. So können sie auch einmal jemanden einladen. „Dabei ist es ganz egal, ob der zweite Gast Geringverdiener oder Millionär ist. Der Kulturgast entscheidet, wen er oder sie einladen möchte“, erklärt Inés Weiß.

Und auch die Häuser profitieren von dem Konzept. Zum einen mache die Kulturtafel Werbung für die Einrichtungen, zum anderen sei es auch für die Künstlerrinnen und Künstler schön, vor gut gefüllten Rängen aufzutreten, weiß die Geschäftsführerin.

Anmeldung

Kulturtafel, Stau 35 – 37, in Oldenburg
Öffnungszeiten: 
Montag und Dienstag 13 bis 16 Uhr, 
Freitag 10 bis 13 Uhr
Telefon: 04 41 / 35 02 76 06
E-Mail: Externer Link:info@kulturtafel-oldenburg.de 
Externer Link:https://kulturtafel-oldenburg.de