Am stillen Örtchen sollte die Teilhabe nicht enden
Ein Projekt der Aktion Mensch setzt das um – mit „Toiletten für alle in Niedersachsen“

Ein Ausflug in den Zoo, ins Fußballstadion oder einfach Essen gehen – für die meisten Menschen sind das besonders schöne Erlebnisse. Doch wenn spätestens nach ein paar Stunden die natürlichste Sache der Welt drückt, endet die Unternehmung meist für Rollstuhlfahrer mit einer Windel oder schwerstpflegebedürftige Menschen, weil sie keine herkömmliche öffentliche Toilette benutzen können.
Der Elternselbsthilfeverein INTENSIVkinder Niedersachsen e.V. hat es sich deshalb zur Aufgabe gemacht, „Toiletten für alle“ in Niedersachsen zu etablieren. „Wir kommen direkt aus der Betroffenensituation und wissen genau, was Menschen mit mehrfacher Behinderung oder schwerer Pflegebedürftigkeit brauchen“, erklärt Anke Mill, die Vorsitzende des Vereins. Denn übliche Behindertentoiletten reichen einfach nicht aus, um etwa eine Inkontinenzeinlage zu wechseln oder zu Katheterisieren. Das zwinge viele Betroffene häufig dazu, den Wechsel etwa auf dem Fußboden durchzuführen. „Das sind nicht nur menschenunwürdige Bedingungen, sondern ist auch höchst gesundheitsgefährdend“, meint Mill.
Bisher 23 Plegetoiletten in Niedersachsen
Es müsse etwas anderes her. „Eine Toilette für alle ist dagegen eine geräumige Pflegetoilette, die unter anderem ausgestattet ist mit einer höhenverstellbaren Pflegeliege und einem Patientenlifter für den rückenschonenden Transport vom Rollstuhl auf die Liege“, so Mill. In Niedersachsen gibt es aktuell an 23 Standorten solche großen Pflegetoiletten. Das Projekt stammt ursprünglich aus England und wurde bundesweit von der Stiftung Leben pur nach Deutschland geholt. 2017 wurde die erste „Toilette für alle“ in Oldenburg eröffnet. Der Verein wünscht sich noch weitere Standorte, hat bereits viel recherchiert, bei Freizeitparks und Messeveranstaltern dafür geworben.
„Doch es gibt bislang noch wenig Verständnis für die Situation der Betroffenen und es ist viel Erklär-Arbeit von unserer Seite nötig“, so Anke Mill. Meist seien die Kosten der Hauptgrund für eine Ablehnung. Denn so eine Neueinrichtung kostet je nach Räumlichkeit zwischen 15.000 und 20.000 Euro. Bereits vorhandene Rollstuhl-WCs können allerdings schon weitaus günstiger mit einer Liege oder einem Lifter zu einer „Toilette für alle“ umgebaut werden – hier freut sich der Verein über entsprechende Hinweise.
Förderung fehlt bisher
„Es ist wirklich schade, dass die Teilhabe aller Menschen am gesellschaftlichen Leben diesen finanziellen Einsatz noch nicht überall wert ist“, bedauert Mill. Sie sieht das Land Niedersachsen hier in der Verantwortung und wünscht sich im Rahmen des Aktionsplans Inklusion mehr Unterstützung in Form finanzieller Förderung. Dafür müsste der Kreis der Berechtigten für solche Förderanträge erweitert werden – ein Schritt, der die Inklusion im Land entscheidend vorantreiben würde, findet auch der VdK. „Denn es profitiert selbstverständlich die gesamte Familie davon, wenn der oder die Pflegebedürftige unterwegs angemessen versorgt werden kann“, erklärt VdK-Landesvorsitzender Friedrich Stubbe.
Positive Beispiele
Auf die 2021 eingerichtete Pflegetoilette im Erlebniszoo Hannover ist der Selbsthilfeverein besonders stolz, weil wir dafür eine Spendenakquise gestartet haben. Die Spende der Region Hannover war dann ausschlaggebend für die Errichtung. Weitere Toiletten gibt es etwa im Niedersächsischen Landtag, im Tierpark Nordhorn, im Heidepark Soltau oder in der Autostadt Wolfsburg. Nutzbar sind die Toiletten in den meisten Fällen mit dem Euro-WC-Schlüssel, um vor unrechtmäßiger Nutzung und Verunreinigung zu schützen.
Mobile Pflegetoiletten
Die Lebenshilfe Braunschweig besitzt zwei transportable Container mit einer großen Pflegetoilette (ohne Lifter), die zu größeren Events gemietet werden können. Sie waren unter anderem schon beim Schützenfest in Hannover und dem Maschseefest im Einsatz. „Eine wirklich tolle Aktion“, freut sich Anke Mill. „Wir würden uns wünschen, dass die Veranstalter von großen Festen künftig dazu verpflichtet werden, solche mobilen Pflegetoiletten aufzustellen. Dann wären wir ein ganzes Stück weiter in Sachen Teilhabe!“

Gefördert wird das Projekt „Toiletten für alle“ von der Aktion Mensch, wodurch zwei Mitarbeitende auf Minijob-Basis arbeiten können. Weiter ist der Verein auf Spenden angewiesen.
Mehr Infos
Mehr Infos zum Projekt „Toilette für alle in Niedersachsen“ gibt es unter Externer Link:toiletten-fuer-alle-niedersachsen.de.
Außerdem sind die Standorte aller Pflegetoiletten deutschlandweit über die App der Stiftung Leben pur zu finden unter Externer Link:www.toiletten-fuer-alle.de/app.html.