Kompetenzen stärken für eine bessere Pflege

Wie kann die angespannte Pflegesituation im Land verbessert werden? Diese Frage hat der Sozialpolitische Ausschuss des VdK Niedersachsen-Bremen zusammen mit Melanie Philip vom Kompetenzzentrum Pflege Oldenburg diskutiert.

Die Ausschussmitglieder und Melanie Pfilip am Tisch
Die Mitglieder des Sozialpolitischen Ausschusses im Austausch mit MelaniePhilip (hinten Mitte) vom Kompetenzzentrum Pflege. © VdK

Auslöser dieses Gespräches ist die angespannte Lage in der Pflege durch den weithin bekannten Fachkräftemangel. Für Melanie Philip greift diese Erklärung jedoch zu kurz. Sie macht darauf aufmerksam, dass viele Menschen in der Pflege arbeiten, die über wertvolle praktische Erfahrung verfügen, jedoch keinen formellen Abschluss haben. Dadurch fehlt ihnen oft das fachliche Rüstzeug, um komplexe Pflegesituationen ganzheitlich zu erfassen. Genau hier setzt ihr Ansatz unter anderem an: vorhandene Kompetenzen zu stärken und gezielt weiterzuentwickeln. Passende Weiterbildungen, eine gute Einarbeitung oder auch eine verbesserte Kommunikation im Team könnten die Versorgung zum Positiven verändern. 

Was läuft schief?

Aktuell übernehmen Pflegehelfer häufig Aufgaben, für die sie meist keine ausreichende Einweisung bekommen haben, können aber – verständlicherweise – ohne die nötige Fachausbildung nicht die Zusammenhänge und möglichen Folgen ihres Handelns einschätzen. Das führt oft zu Überforderung und Ängsten. Fehler passieren und nicht selten führt das auch zum Ausstieg aus dem Pflegejob.  „Es liegt unter anderem in der politischen Verantwortung sowie in der Verwaltungsebene der Länder, das zu ändern!“, erklärt Melanie Philip. „Wenn Pflegehelfer verantwortungsvolle Aufgaben übernehmen, sollten sie dafür ausreichend qualifiziert werden“ führt sie fort. Sie verweist auf ein Beispiel aus der ambulanten Pflege in Bremen: Dort dürfen Pflegehelfer Injektionen verabreichen, ohne dass dafür eine formale Weiterbildung vorgeschrieben ist. Ausschlaggebend ist allein die Einschätzung der Pflegedienstleitung, ob die jeweilige Person dazu in der Lage ist. Für Melanie Philip verdeutlicht dies eine strukturelle Grauzone im Pflegesystem, die unter dem Druck des Fachkräftemangels entstanden ist.

Und Philip schildert noch eine weitere Situation aus der Praxis: Als ein Pflegehelfer aus Unsicherheit nicht weiterwusste, suchte er Unterstützung über ein YouTube-Video, statt die Pflegeleitung zu kontaktieren. Für Melanie Philip ist dies kein Einzelfall, sondern ein Hinweis darauf, dass es in der Pflege häufig an niedrigschwelligen, verlässlichen Bildungsangeboten mangelt oder innerbetriebliche Abläufe nicht eindeutig geregelt bzw. ausreichend kommuniziert sind.

Melanie Philip im Gespräch am Tisch
Melanie Philip erläutert Beispiele aus der Praxis. © VdK

Was ist zu tun?

Ziel ihrer Arbeit im Kompetenzzentrum Pflege ist es, die gesetzliche, aber auch die organisatorische Verantwortung in den Institutionen zu stärken. Das Projekt Kompetenzzentrum Pflege in Oldenburg hat es sich deshalb zur Aufgabe gemacht, durch Vor-Ort-Beratung und Vernetzung Pflegeeinrichtungen zu unterstützen und so unter anderem die Kompetenz in der Pflegeorganisation zu optimieren. Das Angebot richtet sich an Einrichtungsleitungen, Personalverantwortliche und Geschäftsführungen. „Wir bieten aufsuchende Beratung in den Pflegeheimen oder bei ambulanten Diensten in der Stadt Oldenburg an. Das hat den großen Vorteil, dass wir das System direkt vor Ort kennenlernen und dadurch auch auf Probleme aufmerksam werden, die sonst vielleicht gar nicht angesprochen würden“, so Philip. Dabei geht es etwa darum, die Kommunikation im Team zu verbessern, damit Pflegepersonal und Leitung sich auch bei Problemen austauschen. 

Gesundheitsfördernde Strukturen können die Belastung der Mitarbeitenden reduzieren und so zu mehr Zufriedenheit beitragen. Und auch auf eine gute Einarbeitung (Onboarding) von neuen Mitarbeitenden legt Melanie Philip großen Wert. „Onboarding findet leider in den meisten Einrichtungen aufgrund des Zeitmangels nur selten statt. Dabei ist es so wichtig, neue Teammitglieder gut einzuarbeiten, denn auch Verhalten und Einfühlungsvermögen gegenüber Pflegebedürftigen können dadurch positiv beeinflusst werden – von Mitarbeiterbindung ganz zu schweigen!“ 

Andrea Nacke, Leiterin des Sozialpolitischen Ausschusses (SOPOA), freute sich über den konstruktiven Austausch ihrer Mitglieder mit dem Kompetenzzentrum Pflege: „Wir sind immer auf der Suche nach Netzwerk-Partnern. Der Dialog zur Pflegesituation vor Ort ist für uns als beratendes Gremium des VdK enorm wichtig. Durch Melanie Philip haben wir einen unverblümten Einblick bekommen, wie es in der stationären und ambulanten Pflege in Niedersachsen aussieht. Viele Schilderungen von VdK-Mitgliedern wurden dadurch leider bestätigt. Unsere sozialpolitischen Anstrengungen nach Verbesserungen in der Pflege sehen wir darin absolut bestärkt: Der Mensch muss mit seinen Bedarfen im Mittelpunkt einer guten Pflege stehen. Gewinnmaximierung durch u.a. Kosteneinsparungen beim Personal darf es nicht geben!“

Andrea Nacke lächelnd vor dem VdK-Logo
Andrea Nacke, Sozialpolitikexpertin beim VdK Niedersachsen-Bremen und Leiterin des Sozialpolitischen Ausschusses © Peter Himsel

Häusliche Pflege

Ein weiterer wichtiger Aspekt wurde ebenfalls diskutiert: Mehr als 80 Prozent der Pflegebedürftigen werden zuhause versorgt durch pflegende Angehörige, teilweise in Kombination mit ambulanten Pflegediensten. Wie kann es gelingen, die Kompetenzen der Pflegenden zu stärken, damit sie deutlicher abgrenzen können, welche Pflege sie selbst leisten können und wobei sie Unterstützung vom Pflegedienst benötigen? Und wie schaffen wir es, pflegende Angehörige aus der Überforderung der häuslichen Pflege herauszuholen? Hier rät Melanie Philip zu einer Kooperation bzw. engen Verzahnung von professioneller Pflege und Angehörigenpflege.

Das Kompetenzzentrum Pflege in Oldenburg wird noch bis Ende 2026 von der Stadt Oldenburg gefördert. Als Partner des Projektes „RessourcE“ kann es auch deren Forschungsentwicklungen nutzen. Philip wünscht sich, dass dieses Projekt auf ganz Niedersachsen ausgeweitet wird und Pflege stärker kommunal verortet wird. Diesen Ansatz verfolgt auch der VdK Deutschland: Um die pflegerische Versorgung deutlich zu verbessern, schlägt der Bundesverband vor, Pflegeämter in den Kommunen zu schaffen. Diese könnten bei Stadt- oder Kreisverwaltungen angesiedelt sein. 

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Externer Link:https://kompetenzzentrum-pflege-oldenburg.de