Kategorie Ortsverband Celle-Altstadt

Der vierte Telle - Unsere kleine Geschichte zu Weihnachten

Jakob, Emilie und Hannes sitzen fröhlich am gedeckten Tisch. Jakob spielt auf der Mundharmonika. Der Hund Brummel steht neben Emilie und schaut auf die Speisen, die auf dem Tisch stehen. Im Hintergrund ist ein weihnachtlich beleuchtetes Fenster sowie ein Weihnachtsbaum zu sehen.
Der vierte Teller © Matthias Krüger erstellt mit ChatGPT (Artificial Intelligence)

Der Schnee fiel in dicken, trägen Flocken auf das Kopfsteinpflaster der kleinen Gasse herab und dämpfte jedes Geräusch. In dem alten, schiefen Fachwerkhaus mit der Nummer 7 war es still. Zu still für einen Heiligabend, fand Jakob.

Jakob, 76 Jahre alt und stolzer Besitzer eines Schnurrbarts, der in besseren Zeiten einmal akkurat gezwirbelt war, saß in seinem Ohrensessel. Auf seinen Knien ruhte der Kopf von „Brummel“, einem Mischlingshund unbestimmbarer Herkunft, dessen Fell die Farbe von altem Herbstlaub hatte. Brummel war Jakobs ständiger Schatten, seit er ihn vor fünf Jahren aus dem Tierheim geholt hatte.

„Tja, mein Alter“, seufzte Jakob und kraulte den Hund hinter den Schlappohren. „Sieht so aus, als wären wir dieses Jahr allein.“ Der Anruf seiner Tochter war kurz gewesen. Blitzeis auf der Autobahn, die Enkel hatten Fieber. Es war vernünftig, nicht zu kommen. Aber Vernunft wärmt das Herz nicht, wenn der Tannenbaum in der Ecke zwar leuchtet, aber niemand da ist, der ihn bestaunt.

Es klopfte. Kein energisches Pochen, sondern ein zaghaftes Tappen, als würde ein Spatz gegen das Holz picken.

Brummel hob den Kopf und wedelte einmal träge mit der Rute. Jakob schlurfte zur Wohnungstür. Draußen stand Emilie aus dem ersten Stock. Sie hielt eine Tupperdose so fest umklammert, als enthielte sie die Kronjuwelen. Emilie war 82, trug ihre silbernen Haare immer zu einem strengen Knoten gebunden und roch stets leicht nach Lavendel und Möbelpolitur.

„Jakob“, sagte sie entschuldigend. „Ich wollte nicht stören. Aber ich habe Vanillekipferl gebacken. Viel zu viele. Mein Friedrich mochte sie so gerne, und nun…“ Sie stockte. Friedrich war im Frühjahr gegangen. Es war Emilies erstes Weihnachten allein.

„Komm rein, Emilie“, sagte Jakob sanft. „Brummel freut sich.“ Der Hund hatte sich bereits von seinem Sessel erhoben und begrüßte Emilie mit einem sanften Stupser gegen ihr Schienbein. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht, das die Strenge für einen Moment vertrieb.

Kaum hatten sie sich gesetzt, klopfte es erneut. Diesmal war es lauter, fordernder. Es war Hannes von ganz oben. Hannes war ein ehemaliger Kapitän, 79 Jahre alt, mit einer Stimme wie ein. Er trug eine Flasche Rotwein unter dem Arm, als wäre sie ein Entermesser.

„Dieser verdammte Fernseher“, grummelte Hannes, ohne eine Begrüßung abzuwarten. „Nur Schmalz und Gesinge. Das hält ja keiner im Kopf aus. Und meine Heizung gluckert.“ Er sah Jakob und Emilie an. „Oh. Besuch?“

Jakob lachte leise. „Komm rein, Hannes. Die Heizung können wir morgen entlüften. Heute ist Heiligabend.“

Und so saßen sie plötzlich zu dritt in Jakobs kleinem Wohnzimmer. Drei Menschen, die eigentlich dachten, dieser Abend sei nichts als eine Pflichtübung im Kalender, die man hinter sich bringen musste. Jakob ging in die Küche. „Ich habe Kartoffelsalat“, rief er. „Nach dem Rezept meiner Mutter. Aber die Würstchen… das sind zu viele für mich und Brummel.“

Emilie und Jakob begannen, den Tisch zu decken.

Es wurde ein seltsames, wunderbares Festmahl. Der Tisch war zusammengewürfelt, das Geschirr passte nicht zueinander, aber der Raum füllte sich mit einer Wärme, die nicht von der Heizung kam. Und Brummel bekam natürlich von jedem heimlich ein Stückchen Wurst zugesteckt, und alle drei taten so, als hätten sie nicht gesehen, wie die anderen es taten.

Sie erzählten sich Geschichten von früher. Sie lachten. Sie lachten so sehr, dass Hannes rot anlief und Emilie sich Lachtränen aus den Augenwinkeln wischen musste.

Später, als die Kerzen am Baum schon weit heruntergebrannt waren, holte Jakob seine alte Mundharmonika hervor. Er war kein Virtuose, aber für ‚Stille Nacht‘ reichte es. Hannes brummte den Bass, Emilie summte die Melodie mit ihrer brüchigen, aber klaren Stimme.

Da fiel Emilies Blick auf den Tisch. „Jakob“, sagte sie verwundert. „Du hast vier Teller gedeckt. Wir sind doch nur zu dritt.“

Jakob sah auf das leere Gedeck. Er schwieg einen Moment. „Ich weiß nicht“, sagte er dann leise. „Vielleicht für die, die nicht hier sein können. Oder vielleicht für den unerwarteten Gast. Man soll an Weihnachten niemanden abweisen.“

Hannes räusperte sich laut, um seine Rührung zu verbergen. Er nahm ein Stück von Emilie Vanillekipferl und brach ein kleines Ende ab. Er legte es auf den vierten Teller. „Für die Erinnerung“, sagte der alte Kapitän sanft.

Emilie nickte und legte einen kleinen Zweig Tannengrün dazu. „Für die Hoffnung.“

Jakob sah die beiden an, dann seinen Hund. Er nahm Brummels Lieblingskauknochen, der noch verpackt unter dem Baum lag, packte ihn aus und legte ihn mitten auf den Tisch, gleich neben den vierten Teller. „Und für die Treue“, sagte Jakob.

Brummel wedelte, als hätte er jedes Wort verstanden, rührte den Knochen aber nicht an. Er wusste, dass jetzt nicht die Zeit zum Fressen war, sondern die Zeit zum Sein.

Draußen wirbelte der Schnee weiter und deckte die Welt zu, aber in der kleinen Stube im Erdgeschoss war das Licht hell und warm. Sie waren alt, ihre Knochen schmerzten manchmal, und sie vermissten viele, die gegangen waren. Aber in dieser Nacht, bei Kartoffelsalat, Wein und einem Hund, der leise im Schlaf schnarchte, waren sie nicht einsam. Sie waren eine Familie.